Was ist mit Ausflügen?

Diese Frage bekommen wir immer wieder gestellt. Aufgrund dessen haben wir diesen Punkt in unsere Konzeption mit aufgenommen. 

Ein Ausflug, ein Besuch vom Theater, ein Bus voller Kinder auf dem Weg ins Museum, das sieht nach außen ganz nett aus. Viele Eltern schließen daraus, dass der Kindergarten gut arbeitet und den Kindern etwas bietet. Eltern wünschen sich aufregende Erlebnisse für ihr Kind, was sehr verständlich ist. Sie wollen spüren, dass ihr Kind gesehen, gebildet und kognitiv gefördert wird. Aber ein Ausflug ist kein Beweis für gute Pädagogik. Es ist nur ein sichtbarer Moment nach außen. 

Was ist mit den anderen Momenten?! Wenn ein Kind zum ersten Mal einen Konflikt selbst löst? Mit dem Augenblick, in dem es still beobachtet, wie eine Schnecke sich bewegt? In seinem Tempo verweilt und das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung genießt? Mit dem Tag, an dem es den Mut fasst, etwas zu fragen, zu widersprechen, zu fühlen? Das Kind sich zum ersten Mal selbstständig anzieht, auf Toilette geht oder ein Bild malt.  Das alles sind Bildungsprozesse, die oft übersehen werden und doch von großer Bedeutung sind. Wenn diese Augenblicke von den Pädagogen wahrgenommen, gesehen und im besten Fall geschätzt und benannt werden, dann erfolgt eine Lernerfahrung. Diese bleibt den Kindern lange erhalten und spornt sie immer, wieder an Neues auszuprobieren, sich die Welt anzueignen und Erfahrungen zu sammeln. Das sind Erlebnisse und Situationen, die unter die Haut gehen.

Es gibt ein Recht auf Bildung, auf Schutz, auf Entwicklung und dieses Recht erfüllen wir auch dann, wenn wir sagen: „Die Pädagogik findet hier bei uns im Haus statt.“ oder „Wir bleiben in der Villa Wichtel, weil es für die Kinder gerade das Beste ist.“ Es gibt ein Recht zum unbedarften Spielen und Erwachsene, die die Kinder liebevoll und einfühlsam begleiten. Dazu benötigen wir Pädagogen Zeit, Zeit zu beobachten, Zeit zu verweilen, Zeit zu spielen, Zeit das Gesehene zu verarbeiten, zu reflektieren und zu dokumentieren. Wenn es die Zeitressourcen erlauben, den Eltern zu präsentieren, um diese Momente sichtbar zu machen.  

Ein Ausflug kann Bildungsraum öffnen aber auch überfordern. Er kann ein Höhepunkt sein oder ein zusätzlicher Druck. Statt zu fragen, ob Kinder ein „Recht auf Ausflüge“ haben, könnten wir auch fragen: Wie gestalten wir eine Umgebung, die ihnen die Welt öffnet, die sie stärkt, und zwar auf eine wertschätzende und anerkennende Weise.

Ja, vielleicht ist es schade, dass weniger Ausflüge stattfinden, und oft schwingt Wehmut mit: „Früher ging das doch auch, warum heute nicht mehr?“ Doch lasst uns ehrlich darauf zurückblicken: 

Waren früher Ausflüge wirklich kindgerecht? Gab es beispielsweise Raum für individuelles Tempo? War der Ausflug ein Wunsch der Kinder, der Eltern oder der Pädagogen? War es das Interesse der Kinder? Der Eltern oder der Pädagogen? Wurden alle Kinder miteinbezogen oder liefen manche einfach nur mit? Gab es nicht auch Kinder, die gar nicht erst mitdurften, weil wir ihr Verhalten als zu herausfordernd erlebt haben? Oder Kinder die nicht mitwollten? Ehrlich gesagt, daran wurde nur selten gedacht.

Ein Ausflug ist kein Selbstläufer. Er braucht Vorbereitung, Verantwortung und Ruhe. Was nützt ein Ausflug, wenn das Team erschöpft und der Alltag instabil ist? Wir betreuen viele Kinder, die alle ihre eigenen Bedürfnisse mitbringen, dies erfordert einen verantwortungs-bewussten Umgang damit. Eine Kita ist nicht schlecht, nur weil sie gerade keine Ausflüge einplant. Das ist Verantwortung.

Ja, möglicherweise können Eltern nur wertschätzen, was sie sehen und verstehen. Vielleicht sehen sie nicht, was im Alltag geschieht, aber sie können es erfahren, wenn wir es mit ihnen teilen, durch Hospitationen, Bildern, Worte und Gespräche, die den Alltag sichtbar machen. Leider sind die Zeitressourcen wie oben schon angesprochen oft knapp und wir müssen gut haushalten damit. Weshalb Bilder und Dokumentationen zum Präsentieren nicht immer an erster Stelle stehen. Hier brauchen wir das Vertrauen der Eltern in unser Tun, Eltern, die mit wachen Augen durch unser Haus gehen und sehen was passiert. Eltern die mit den Kindern gemeinsam Dinge aus dem Alltag reflektieren, das Portfolio mit dem Kind betrachten und nachfragen. Wir sind sicher, die Kinder haben eine Menge kleine Erlebnisse zu erzählen.

Wir sollten uns auch fragen: Brauchen Kinder in einer müden Gesellschaft, geprägt von Hektik, Werbung, Medien, Terminen, emotionaler Unsicherheit und Reizüberflutung wirklich Ausflüge? Viele Eltern sind erschöpft, viele Kinder auch. Brauchen sie da noch mehr Action oder Animation. Noch mehr Impulse von außen? Oder wäre es gerade jetzt heilsam, Kitas als Orte der Entschleunigung zu denken, als Gegenentwurf, als Raum für das Wesentliche?

Wir wollen den Kindern ein Ankommen, ein Angenommen werden, eine bedürfnisorientierte Pädagogik, Zugehörigkeit, Mitbestimmung und einen verlässlichen Tagesablauf geben. Jemand der sie sieht, auch dann, wenn sie gerade nichts „leisten“. Ein Ort, an dem wir kommunizieren und Langeweile nicht gefürchtet wird, sondern Raum schafft für Selbstwirksamkeit.

Wir wollen die Chance nutzen, nicht das Alte zu vermissen, sondern das Neue bewusst zu gestalten: Mit echter Partizipation, hin zu Erlebnissen, die nicht nur gut aussehen, sondern den Kindern gut tun mit dem, was die Kinder in der heutigen Welt brauchen. Wir wissen schon seit mehreren Jahren, dass Kinder am besten lernen, wenn sie zufrieden mit Ruhe und Zeit selbstbestimmt im Spiel vertieft sind.  

Es geht beim Zurechtfinden in der Welt für Kinder nicht so sehr darum Wissen abzurufen, sondern Kompetenzen zu erwerben, Kompetenzen wie Handlungen zu planen, Folgen einer Handlung abzuschätzen, Impulse zu kontrollieren, Frust auszuhalten und sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Gerald Hüther

Deshalb ist unser größtes Ziel den Kindern eine vertraute Umgebung zu schaffen, in der sie sich angenommen und erstgenommen fühlen. Einen Raum, in dem sie Zeit haben sich intensiv mit ihren Bedürfnissen und Interessen zu beschäftigen. Einen Ort wo Erwachsen sind, die diese Erfahrungen, Enttäuschungen, Frustration, Freude und Lachen mit ihnen teilen. 

„Eigentlich braucht jedes Kind drei Dinge“ sagt der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther in dem Film Kinder! 

Es braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann, es braucht Vorbilder, an denen es sich orientieren kann und es braucht Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt.

Ausflüge können wunderbar sein, wenn sie getragen sind von Beziehung, Planung und Freude. Aber sie sind kein Maßstab für Qualität.

Qualität zeigt sich in den Menschen, die da sind und in dem, was bei den Kindern bleibt: die Erfahrung, gesehen, verstanden und gehalten worden zu sein. Das ist Qualität.

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